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Rückenschmerzen in Tokio (10./11. Oktober 2009)

Wer hätte geahnt, dass eine Reise in den Fernen Osten so schmerzhaft sein kann? Nimmt man doch an, dass in unserer modernen Zeit ein elfstündiger Flug die reinste Erholung sein muss. Doch weit gefehlt, wenn man als 1,90 m großer Mitteleuropäer die japanische Fluggesellschaft JAL benutzt. Der Abstand zwischen zwei Sitzreihen beträgt gefühlte 30 cm. An Schlafen ist in dieser Beengtheit nicht zu denken. Zum Glück gibt es in dem Sitz vor mir einen eingebauten Fernseher, auf dem man Kinofilme anschauen und Spiele spielen kann. So vergeht die Zeit doch irgendwie und der Reisende wundert sich, dass es, obwohl der Flug um 21:00 Uhr begann, bereits um 24:00 Uhr wieder hell wird. Die Landung erfolgt gegen 13:00 Uhr Ortszeit, obwohl es nach der eigenen Uhr doch eigentlich erst früher Morgen sein müsste. Aber so ist es nun mal, wenn man der Sonne entgegen reist – ex oriente lux! Bei der Ankunft am Flughafen in Tokio geht alles ganz geordnet zu. Und am Einreiseschalter begrüßt uns ein Herr mit Mundschutz – viele Menschen in Japan tragen derzeit eine solch übervorsichtig anmutende medizinische Vorrichtung, um sich nicht mit der „Schweinegrippe“ zu infizieren. Der Beamte bittet um die Personaldokumente, wobei Kinderausweise aus Deutschland eher selten vorkommen und daher mancher 9.-Klässler erklären muss, warum das Foto eines 5-Jährigen in seinem Pass klebt. Schließlich müssen noch die Fingerabdrücke eingescannt werden, dann geht die Tür nach Japan endlich auf.

Unsere Dolmetscherin, eine Deutsche, die in Tokio studiert, und der japanische Lehrer, der den Austausch von Seiten unserer Gastschule organisiert hat, empfängt die Gruppe aus Wriezen mit einem riesigen „Wriezen“-Schild in den Händen. Aber es besteht im Grunde gar keine Gefahr, nicht erkannt zu werden: Die Schüler tragen ihre Schulkleidung – was in Japan übrigens nichts Ungewöhnliches ist – und sind fast die einzigen Westeuropäer, die in die Empfangshalle eintreten. Der schuleigene Bus bringt uns vom Flughafen Narita, dem internationalen Flughafen Tokios, nach Hachioji. Hier befindet sich die High School, deren Gast wir in den nächsten drei Tagen sein werden. Obwohl Hachioji eine kleine Nachbarstadt (ca. 550.000 Einwohner) von Tokio ist, dauert die Fahrt zwei Stunden. Dabei geht es quer durch die japanische Hauptstadt, auf deren vielfältige Attraktionen wir kurze Blicke werfen. Konzentration kann nicht erwartet werden – die Müdigkeit nach 24 Stunden Anreise ist nur allzu deutlich. Trotzdem heißt es durchhalten, denn uns erwartet noch die offizielle Begrüßung durch den Bürgermeister von Hachioji und den Schulleiter der Hachioji High School. Beide betonen ihre Freude darüber, dass sich endlich eine Schülergruppe von Wriezen nach Japan aufgemacht hat, um den Gegenbesuch zu den japanischen Jugendlichen anzutreten, die vor zwei Jahren mit ihren Lehrern die Oderbruchhauptstadt besuchten. Auch auf Dr. Koyenuma, den Wriezener Ehrenbürger und ein Kind der Stadt Hachioji, wird rührend eingegangen. Schließlich kommt das von allen mit Spannung Erwartete: Es werden Gasteltern einzeln nach vorne gerufen und ihnen zur Seite wird je ein Schüler des Johanniter-Gymnasiums gestellt. Nun folgt das obligatorische Foto, Applaus, dann kommt die nächste Gruppe. Man macht sich bekannt, auf Englisch, bleibt bei seinen zukünftigen Gastgebern am Tisch und isst die bereitgestellten ersten typisch japanischen Speisen. Nach exakt eineinhalb Stunden, genau so lange, wie es die Planung vorgesehen hat – und in Japan hält man sich immer genau an die Planung, brechen alle Familien mit ihren Gästen auf – zur für die Austauschschüler ersten Übernachtung in der ansonsten für Außenstehende nur schwer kennenzulernenden japanischen Privatsphäre. Müde und durch leichte Rückenschmerzen geplagt, machen auch die Betreuer der Schüler sich auf den Weg zu ihren Gastgebern.

Typisch japanisch (12.10.2009)

Eine weise Entscheidung war es, die Wriezener Schüler zu Anfang in den japanischen Gastfamilien einzuquartieren. So erhalten sie die außergewöhnliche Möglichkeit, das Typische an dem Gastland hautnah mitzuerleben. Die Familien, von denen die Wriezener Schüler bereits nach drei Tagen als ihre Eltern und Geschwister sprechen, engagieren sich unglaublich, damit sich die Gymnasiasten aus Deutschland wohlfühlen. Unternehmungen werden gemacht, die Umgebung erkundet, ganz nach den Wünschen der Wriezener. Im Haus selbst lässt man ihnen freie Hand – die Benutzung von technischen Geräten wie Fernseher und Computer sind meist erlaubt, das Speiseangebot lässt Gästevorlieben zu, doch wollen die Japaner auch unbedingt ihre Spezialitäten präsentieren, sodass jeder in den Genuss der obligatorischen Suppen, Gemüse- und Fischgerichte kommt. Vielfach leben die Familien in Häusern oder Wohnungen mit typischen japanischen Elementen: Schiebewände aus Holz und Papier, Badezimmer mit Tauchbad, das nicht zur Reinigung, sondern zur Erwärmung dient (sauber wird man vorher neben der Wanne mittels einer Dusche).

Ein Tag in der japanischen Schule (13.10.2009)

Die Hachioji High School hat über 2000 Schülerinnen und Schüler. Sie ist eine Privatschule im eigentlichen Sinn: Die Lernenden tragen komplette Schulkleidung, das heißt, einheitliche Schuhe, Hosen bzw. Faltenröcke, Hemd und Jackett samt Krawatte. Japantypisch ist, dass vor dem Betreten der Schule (so selbstverständlich auch in Privathäusern und Wohnungen) die Schuhe gegen Hausschuhe gewechselt werden. Straßenschuhe gelten als unrein und dürfen im heimischen Umfeld und eben in der Schule nicht anbehalten werden. Ein modernes Unterrichtsgebäude mit fünf Etagen weist zahlreiche bestens ausgestattete Lehrräume auf, in denen die Schüler in kleinen Gruppen mit ihren Lehrern arbeiten. Die Angestellten sind durchweg freundlich und hilfsbereit, aber auch stets klar in ihren Anweisungen und erkennbar konsequent. Extra für die Gruppe aus Wriezen spielt das Orchester der Schule: Meisterhaft vorgetragene fetzige Stücke mit perfekt einstudierter Choreographie werden präsentiert, aber auch deutsche Volkslieder, deren Text alle Musiker auswendig mehrsprachig vorsingen. Für den Nachmittag steht die durch die High School vorbereitete und durchgeführte Fahrt auf den Hausberg der Stadt, den Mont Takao, auf dem Programm. Eine spektakuläre Bergbahn bringt uns bis ca. zur Hälfte, den Rest müssen wir erwandern. Auf dem Weg zur Spitze liegen großartige Tempelanlagen, für deren Besichtigung uns ein buddhistischer Mönch zur Verfügung steht. Er erläutert den Jugendlichen die Bedeutung der Figuren und Bilder im Tempel. Als Krönung wohnen wir einer fast einstündigen Zeremonie bei, in deren Verlauf unter priesterlichen Gesängen ein großes rituelles Feuer im Tempel entzündet wird.

Good bye Hachioji – Good morning Tokio (14.10.2009)

Am Morgen trifft die deutsche Reisegruppe zum letzten Mal in der Gastschule ein. Es heißt Abschied nehmen von in Kürze bereits liebgewonnenen Freunden. Abschiedstränen fließen, zahlreiche Pakete mit Geschenken der Japaner für Gäste werden übergeben. Zu einem besonderen Austausch kommt es außerdem: Die beiden Schulleiter unterzeichnen den am Vorabend am Rande eines opulenten Abendessens in exklusivstem Ambiente ausgehandelten Partnerschaftsvertrag. Dieser schließt die High School und das Evangelische Johanniter-Gymnasium zu Partnerschulen zusammen und verpflichtet beide, regelmäßige Austausche von Schülergruppen sowie auch von einzelnen Schülern etwa für einen einjährigen Auslandsaufenthalt auszutauschen. Nach der anrührenden Verabschiedung sind wir nun auf uns selbst gestellt. Der Weg zum Hotel in der japanischen Hauptstadt muss gefunden werden, Fahrkarten an Automaten mit kryptischen Zeichen daran erworben werden. Zum Glück hilft die deutsche Reiseleiterin, die schwierigsten Klippen zu umschiffen. Auf dem Besichtigungsprogramm in Tokio: Das Sumoringer-Stadion, das großartige Edo-Tokyo Museum sowie ein Bummel durch die Elektric City, in der es Hunderte von Elektrogeschäften gibt. Zur Beherbergung wird ein italienisches Restaurant aufgesucht – ein Glück, denken viele, nach den vielen Suppen und völlig fremdländischen Speisen.

Meji-Schrein und Karaoke (15.10.2009)

Tradition und Moderne gehen in Japan eine interessante Verbindung ein: Westliche Kultur in ihrer zum Teil schreienden Ausformung hat im Reich der aufgehenden Sonne Einzug gehalten, zugleich ist der Japaner traditionsbewusst, naturverbunden und zwanglos religiös. Der Besuch im Meji-Schrein, der zu Ehren des gleichnamigen Kaisers und seiner Frau Anfang des 20. Jhd. gebaut wurde, zeigt die traditionelle Seite: Die Anlage im klassischen Stil liegt idyllisch in einer weitläufigen Parkanlage mitten im Zentrum der umtriebigen Hauptstadt. Gleich daneben finden sich übervolle Einkaufsstraßen, die für jeden Geldbeutel etwas zu bieten haben. Dieses Nebeneinander nehmen auch die Wriezener Tokio-Reisenden wahr, die sich mit Lust in den Trubel der Geschäfte stürzen. Am Abend wiederholt sich der Kontrast: Die Fahrt zum Kaiserpalast zeigt das Tokio der Tradition, während der Tagesausklang in einem Karaoke-Tempel lustig bei lauter westlicher Musik ausklingt. Der Blick vom 45. Stock des Tokioter Rathauses am Nachmittag belegte: Die japanische Hautstadt ist eine gigantische Metropole, von oben sieht man bis zum Horizont lauter Hochhäuser und andere moderne Gebäude. Doch wiederum ist den Johanniter-Gymnasiasten klar geworden, dass hinter der modernen Fassade die Japaner ihre Kultur erfolgreich bewahren.

Sponsorentag (16.10.2009)

Autos bauen können die Japaner – und das sogar sehr erfolgreich. Mitsubishi, einer der Hauptsponsoren der Reise der Johanniter-Gymnasiasten, stellt aber nicht nur PKW her, sondern auch gute Lastkraftwagen. Hiervon kann sich die Schülergruppe aus Wriezen mit eigenen Augen überzeugen. Eine Werkbesichtigung im Tokioter Vorort Kawasaki zeigt, dass die Japaner ihr Handwerk verstehen. Die englischsprachige Werkhallenführung lässt beeindruckende Einblicke in alle Produktionsabläufe zu, vom bloßen LKW-Gestell bis zum fertigen Truck mit seinem 1,5 t schweren Motor. Ein von Mitsubishi gestellter Bus bringt die Gymnasiasten gegen Mittag wieder in die Tokioter Innenstadt. Diesmal soll das Areal um den Bahnhof Shibuya erkundet werden. Riesige Kaufhäuser umsäumen die Metrostation, mehrere tausend Menschen überqueren bei einer Grünphase gleichzeitig die Kreuzung, ganz geordnet geht auch dies hier vonstatten. Ein faszinierendes Gewusel, in dem sich der Einzelne recht klein vorkommt, aber doch nicht verschwimmt. Auffällig ist u.a., dass die Einheimischen sich ohne Hast und Hektik durch ihre Stadt bewegen; keine Aufregung, kaum Aggression auf den Straßen. Hat jemand ein Problem, umstehen ihn sogleich mehrere Helfer, Polizisten, Rettungskräfte. Der Preis: Kameraaufzeichnungen allenthalben, „der Sicherheit wegen“. Etwas erschöpft machen sich die Gymnasiasten bei Einbruch der Dunkelheit (in diesen Breiten stets gegen 18:00 Uhr) zum Abendessen in ein bekanntes Steakrestaurant auf. Eingeladen hat ein Tokioter Hochschullehrer, der den Austausch ideell und nun auch materiell unterstützt.

„Danke Brandenburg!“ (17.10.2009)

Zwei deutsche Japantouristen, die wir beim Frühstück in unserem Tokioter Hotel treffen, können es nicht glauben: „Was, eine Klassenfahrt nach Japan? Auf welche Schule geht Ihr denn?“ „Tja, wir sind vom Evangelischen Johanniter-Gymnasium in Wriezen“, lautet die prompte Antwort. Erstaunen. Ja, und als Brandenburger Schule besuchen wir nach der japanischen Hauptstadt die Präfektur Saitama, mit der unser Bundesland eine Partnerschaft unterhält. Begrüßt werden wir dort von vier Repräsentanten der Präfektur-Verwaltung, die uns Gäste mit Geschenken überschütten und uns dann zu einer ganz besonderen Veranstaltung führen: Dem Stadtfest vom Kawagoe. An jedem dritten Wochenende im Oktober findet dort ein Festival von traditionellen Musikgruppen statt, die auf wunderbar geschmückten Wagen ihre Künste darbieten. Die zahlreichen Holzwagen werden an langen Tauen von ca. 100 Personen durch die Straßen gezogen, an deren Rändern etwa 1 Mio. Japaner das Spektakel verfolgen. Mitten drin die Wriezener Johanniter-Gymnasiasten, die sogar eingeladen werden, einen außergewöhnlich großen Wagen ein Stück mitzuziehen. „Danke Brandenburg!“ ruft ein Mann in ein Megaphon, nachdem er von unserem Stadtführer über unsere Herkunft aufgeklärt worden ist. In vielen Seitenstraßen und neben der Wagenstrecke bieten Händler landestypische Gerichte in unübersehbarer Variantenfülle an. Ein Volksfest auf hohem Niveau, das sehr zivilisiert und diszipliniert abläuft. Ein Alkoholkonsum der Besucher ist nicht wahrnehmbar, trotzdem sind alle ausgelassen und erfreuen sich an den Vorführungen. Für die Gymnasiasten ein besonderes farbenfroher Tag, der viel Abwechslung bereithält.

„Das ist ja goldig hier“ - Weltkulturerbestätte Nikko (18.10.2009)

„Das ist ja goldig hier“, entfährt es Chris Kröning, als er die prachtvollen, vergoldeten Tempel der Weltkulturerbestätte Nikko erblickt. Sie liegen eingebettet in eine malerisch gelegene Waldlandschaft, die durch wilde Wasserläufe durchschnitten wird. An diesem Sonntag bevölkern Tausende von Kulturtouristen diesen in allen Reiseführern mit ihrer höchsten Kategorie versehenen Ort. Dazwischen die 14 Johanniter-Gymnasiasten, deren Japan-Reise so langsam zu Ende geht. Tempelanlagen haben sie bereits mehrere gesehen, doch diese übertrifft alle anderen an Größe und Pracht. Nach der Durchwanderung des weitläufigen Areals freuen sich die Reisenden gleichwohl auf das Abendessen und die Betrachtung der „geschossenen“ Bilder auf dem Display der Kamera.

Abschiednehmen von Saitama (19.10.2009)

Am letzten Tag in Saitama soll das japanweit bekannte Eisenbahnmuseum erkundet werden. Es bietet in einer Halle von gigantischen Ausmaßen alles über das Eisenbahnwesen des Landes – von der ersten Dampflok bis zum modernen Schnellzug Shinkansen Das Museum spricht die Besucher insofern besonders an, weil die meisten Exponate angefasst und Abteile von Waggons sogar betreten werden können. Eine große Modelleisenbahnanlage zeigt naturgetreu die gegenwärtige Modellpalette der japanischen Bahnen. Die zu sehenden fahrenden Züge erfreuen nicht nur Kinder- und Jugendlichenherzen. Am Nachmittag testen wir dann einmal mehr die Leistungsfähigkeit des japanischen Verkehrssystems, indem wir mit der Eisenbahn, wie immer zuverlässig und pünktlich, von Saitama nach Narita befördert werden, den Ausgangspunkt unserer Reise. Da unser Flug am nächsten Tag bereits um 11:00 Uhr startet, wollen wir schon rechtzeitig in der Nähe des Flughafens sein. Ein Hotel der besonderen Klasse beherbergt uns in der letzten Nacht vor der Rückreise nach Deutschland. Alle mitreisenden Schüler des Johanniter-Gymnasiums und auch die Begleiter sind voll der Eindrücke über dieses wunderbare und uns teilweise doch fremd erscheinende Land. Zugleich merkt man aber auch allen die Freude auf die baldige Rückreise in die Heimat an.