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Andacht und Morgenstation

Jede Woche findet in unserer Schule eine Andacht statt, am Freitag zum Ausklang unserer fünf Arbeitstage, oder zu besonderen Anlässen wie dem Beginn der Projektwoche oder dem Beginn der Ferien auch wahlweise an anderen Wochentagen.

Bewusst haben sich die Pädagogen des Evangelischen Johanniter-Gymnasiums für diese Form gelebter und ritueller Religion entschieden, um der christlichen Grundgeste ihrer Schule auch in der Wochengestaltung für die versammelte Schulgemeinschaft Raum zu geben. Begrüßung und Votum, Tagesgebet und Psalm-Lesung, Predigt und Fürbitten, Vaterunser und Segnung – die Andacht erlaubt jede Woche die Erprobung geistlicher Formen und Inhalte.

Klassenintern bietet wiederum die sogenannte Morgenstation Gelegenheit, religiöse und damit lebenspraktische und menschheitsgeschichtliche Themen mit den Schülern zu bewegen. Allmorgendlich werden darum 10 Minuten der ersten Unterrichtseinheit verschiedensten Facetten menschlicher Grundfragen gewidmet. Mal wird eine Erzählung in den Mittelpunkt des Interesses gestellt, dann wieder eine wahre Geschichte, die die Gemüter bewegt, eine Bibelstelle, die erst ins Heute übersetzt sein will, eine Redewendung, die zur Reflexion einlädt oder ein Lied, das anspricht und die Menschen verbindet.

Während die Morgenstation meist von den Unterrichtenden vorbereitet und im Anschluss von der Klasse diskutiert wird, liegt die Vorbereitung der Andachten mal in den Händen einer einzelnen Klasse, die den Liedern, den Fürbitten und dem Predigttext ihr eigenes Gepräge gibt, oder in den Händen einzelner Lehrer, die in unterschiedlichster Konstellation biblische sowie alltägliche Problemstellungen schülernah zu vermitteln suchen. Mittlerweile ist das wöchentliche Halten einer Andacht nun schon zu einer liebgewordenen Gewohnheit geworden, die allerdings immer wieder die Herausforderung in sich birgt, die Brücke zu den Schülern und den sie bewegenden Themen – seien sie verborgen oder offensichtlich – trotz der vorgegebenen liturgischen Form jedes Mal neu zu entwerfen.

Thematische Andachtsgestaltung

Als Beispiel dafür, wie eine Andacht inhaltlich ausgestaltet sein kann, mag die Ansprache stehen, die auf der Wochenschlussandacht vor dem Reformationstag 2010 gehalten wurde.

Worte zum Reformationstag auf der Schulandacht des Evangelischen Johanniter-Gymnasiums Wriezen am 29. Oktober 2010 von Dr. Martin Jenssen

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer,

unsere heutige Andacht ist dem Reformationstag gewidmet, den wir am Sonntag, dem 31. Oktober begehen. Einige von euch waren bereits zu Klassenfahrten in Wittenberg, an dem Ort, an dem Martin Luther 1517 seine berühmt gewordenen 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche heftete und damit eine große Bewegung in Gang setzte; eine Bewegung, in deren Ergebnis sich sehr viel geändert hat – nicht nur für die Kirche, nicht nur für die Christen, sondern für das gesamte so genannte christliche Abendland, in dem wir leben.

Manche verbinden mit dem 31. Oktober jedoch ein ganz anderes Fest. Seit einigen Jahren ist es Mode geworden, Halloween zu feiern. Immer mehr Gruselfreunde finden Freude an diesem Fest. „Süßes oder Saures“, so lautet der Schlachtruf der Kinder, die als Hexen, Geister oder Skelette verkleidet von Tür zu Tür ziehen und sich Süßigkeiten erbetteln.

Halloween ist kein christliches Fest. Es wird in der Kirche auch nicht gefeiert. Und es ist schade, dass viele mit dem 31. Oktober nicht den Reformationstag, sondern diese merkwürdige Gruselparty verbinden. Halloween ist ein Produkt pfiffiger Geschäftsleute, die mit ihren Gruselprodukten Jahr für Jahr unglaublich viel Geld verdienen. Die Vorstellung, dass die Geister der Verstorbenen als böse Geister zurückkehren und uns in Angst versetzen, hat mit dem christlichen Glauben nichts zu tun. Denn für den christlichen Glauben sind die Verstorbenen bei Gott geborgen, sie brauchen nicht auf der Straße herumzugeistern.

„O.k.“ mögt ihr vielleicht sagen, „Sie haben ja Recht, Halloween ist sicher ein ziemlicher Unfug, aber doch auch ganz lustig! Es muss doch nicht immer alles einen Sinn haben, es muss doch auch mal Spaß erlaubt sein. Kleine Kinder haben Freude daran, warum soll man da nicht mitspielen?“ Gut, antworte ich darauf, natürlich werde auch ich den umherziehenden Kindern ein paar Süßigkeiten geben und ihnen den Spaß nicht verderben. Aber mir ist eben auch wichtig, dass wir diesen Tag vor allem mit der Reformation in Verbindung bringen.

Warum aber – so mögen vielleicht einige antworten - sollten wir uns an diesem Tag an die Reformation erinnern – ein Ereignis, das vor fünfhundert Jahren in Wittenberg und an anderen Orten seinen Anfang genommen hat. Was ist an diesem Ereignis noch wichtig für uns, als moderne Jugendliche im 21. Jahrhundert?

Ich könnte es mir einfach machen und sagen: die Reformation ist die Geburtsstunde der evangelischen Kirche, wir sind ein evangelisches Gymnasium, von daher ist uns der Reformationstag wichtig. Das ist sicher richtig, aber das wird euch wohl kaum wirklich überzeugen!

Also versuche ich es anders und erzähle, was ich persönlich mit Reformation verbinde. Es sind vor allem zwei Dinge, die mir wichtig sind. Erstens: Mit der Reformation wurde der Glaube zur Privatsache. Das war nicht immer so! Und es ist auch heute keinesfalls in allen Teilen der Welt eine Selbstverständlichkeit. Privatsache meint, dass weder mir noch euch irgendjemand vorschreiben kann, wie wir zu glauben haben, ob wir überhaupt an einen Gott glauben, wie wir uns Gott vorstellen, wie wir ihn erfahren. Vielleicht sind euch ja viele der biblischen Erzählungen von Jesus und seinen Jüngern manchmal auch schwer verständlich. Sie kommen aus einer anderen Zeit, sind in einer anderen Sprache geschrieben. Aber sicher gibt es auch ganz alltägliche Momente, wo ihr meint etwas zu spüren, was größer ist als alles andere, was euch, eure Freunde und Familien trägt. Oft muss man das Wort Gott gar nicht aussprechen, und trotzdem ist er mitten unter uns: z.B. wenn wir jemandem helfen, der unsere Hilfe nötig hat, obwohl es vielleicht gerade unbequem oder uncool ist.

Martin Luther drückt es in der Sprache des 16. Jahrhunderts so aus: „Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anderes ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben. … Woran du nun dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott.“ Und in dem Klassensegen, den sich die Schülerinnen und Schüler der 10a ausgewählt haben, heißt es: „Lebe in Frieden mit Gott, so wie du ihn jetzt für dich begreifst.“ Das ist ein schöner Satz! Glaube kann nicht verordnet oder einfach übergestülpt werden. Glaube ist Sache jedes Einzelnen, ist eine Gewissenssache. Das bedeutet aber auch: ob oder wie oder was einer glaubt, darüber haben sich andere nicht lustig zu machen, das haben wir zu respektieren. Jeder Mensch, jede und jeder von euch und natürlich auch von uns Lehrern ist anders, ist einzigartig, hat vielleicht seine Macken, aber auch seine netten Seiten. Und jeder denkt und fühlt auf seine Art, und so ist es auch mit dem Glauben.

Und eine zweite Sache verbindet sich für mich mit Reformation. Eine Sache, die auch ganz viel mit uns und mit unserer Schule zu tun hat. Diese zweite Sache ist der Mut zum eigenen Denken! Auch das war keinesfalls selbstverständlich in der Zeit vor der Reformation. Und es ist auch heute noch nicht überall auf der Welt selbstverständlich. Zum Beispiel in solchen Ländern nicht, wo Mädchen oder Kindern aus armen Familien der Weg zu den Schulen versperrt ist. Denn eigenes Denken setzt Bildung voraus. Nur wenn ich davon weiß, was andere Menschen vor mir gelebt und gedacht haben, kann ich selber weiter denken, kann ich eigenständig denken. Und nur, wenn ich eigenständig denken kann, kann ich auch eigenständig handeln und mein Leben selbst gestalten, es selbst in die Hand nehmen.

Ein wichtiger Weggefährte Martin Luthers war der Reformator Philipp Melanchthon. Melanchthon war Lehrer in Wittenberg. Seine Antrittsvorlesung beschloss er mit dem Aufruf: „Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!“ Dieses Wort war so etwas wie der Leitspruch für eine Epoche der Geschichte, von der ihr im Unterricht sicher schon gehört habt. Ich meine die Epoche der Aufklärung. Unsere moderne Welt mit all dem technischen Fortschritt, den geliebten Handys und MP3-Playern, mit Computern, Autos und Flugzeugen hat ganz viel zu tun mit Reformation und Aufklärung. Und auch unser demokratisches Gemeinwesen, das uns erlaubt, uns mit unserem Verstand einzumischen, hat seine Wurzeln in Reformation und Aufklärung. Wir können und müssen uns einmischen, im Klassenrat, in der Schülervertretung, in der Elternvertretung, der Lehrerkonferenz oder der Schulkonferenz.

Lasst uns gemeinsam lernen, auch miteinander streiten und unseren Schulalltag gemeinsam gestalten. Habt den Mut, euren Verstand zu gebrauchen! Mischt euch ein! Lasst uns gegenseitig zuhören und einander beistehen, lasst uns fair miteinander umgehen. Der Reformator Philipp Melanchthon verstand Schule als eine „Gemeinschaft der Lernenden“. Lasst uns immer stärker zu einer solchen Gemeinschaft der Lernenden, zu einer Schulgemeinde zusammenwachsen. In diesem Sinne ist Reformation auch Programm für unser evangelisches Gymnasium. Und wenn am Sonntag die Kürbisköpfe leuchten und die Halloween-Geister umher-spuken, denkt vielleicht auch daran, dass eigentlich Reformationstag ist, dass Reformation viel mit unserem Schulalltag zu tun hat und was Reformation für Euch ganz persönlich bedeuten könnte. Amen.