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Gedenkstättenprojekt der Oberstufe im Schuljahr 2013-2014

Im Herbst 2013 besuchten die Zwölfklässler des Evangelischen Johanniter-Gymnasiums Wriezen das ehemalige Konzentrationslager in Auschwitz. Im Dezember stand bei ihnen ein Projekttag in der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen auf dem Plan.

Als Ergebnis der Exkursionen setzten sich die Abiturienten intensiv mit der Frage auseinander, ob der Besuch von Gedenkstätten des Nationalsozialismus und/oder der SED-Diktatur durch Schulklassen der Demokratieerziehung der Schüler dienen könne.

Hieraus haben die Schülerinnen und Schüler nun ein Thesenpapier entwickelt. Dieses wurde im Rahmen einer öffentlichen Podiumsdiskussion am 23. Januar 2014 in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Genslerstraße 66, vorgestellt.

(Download LinkLink zum Thesenpapier)

Nachfolgend nun die Reflexion der Podiumsdiskussion aus Sicht der Gymnasiasten:

"Wir, der 12. Jahrgang des Ev. Johanniter-Gymnasiums Wriezen, hatten diese Podiumsdikussion durchgeführt, um einen Meinungsaustausch zwischen Schülern und Gedenkstätten zu initiieren, inwieweit Besuche von politische Gedenkstätten durch Schulklassen zur Demokratieerziehung der Schüler beitragen können.
Die Gäste unserer Podiumsdiskussion waren Ruth Misselwitz (Pfarrerin in Alt-Pankow), Karsten Harfst (Pädagogische Arbeitsstelle der Gedenkstätte Hohenschönhausen), Hans-Jochen Scheidler (Zeitzeuge, 1968 in Hohenschönhausen inhaftiert) und Dr. Matthias Heyl (Leiter der pädagogischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück), die mit Rebeka Bahro, Lisa Leupold, Jonas Massierer, Pauline Palm und Fredericke Strehlow als Repräsentanten des gesamten 12. Jahrgangs des Ev. Johanniter-Gymnasiums Wriezen diskutierten. Moderiert  wurde die Diskussion von unseren Mitschülern Kathleen Viol und Tobias Schläbe. 
Die Podiumsdiskussion verlief in angenehmer Atmosphäre und war aus unserer Sicht leider viel zu kurz. Wir hätten noch gern mindestens eine Stunde weiterdiskutiert. So konnten nicht alle unsere Thesen behandelt werden, sondern die Diskussion konzentrierte sich nur auf folgenden Aspekte: 

  • Sind Gedenkstätten nützliche Instrumente der Demokratieerziehung?
  • Mit welchen Erwartungen konfrontiert ein Teil der Schüler und Lehrer die Gedenkstätten?
  • Was ist ein angemessener Medieneinsatz für die Vermittlung der schwierigen Themen? 
  • Nur kurz angeschnitten, aber leider nicht vertieft, wurde auch noch der Aspekt, ob man als Schüler auch in unteren Klassen etwas mitnimmt von dem Besuch einer Gedenkstätte oder nicht damit jegliche Bereitschaft, sich als älterer Schüler noch einmal damit zu befassen, blockiert wird.

 Die Diskussionsergebnisse waren sehr interessant und für uns teilweise überraschend. Unsere Prämisse, dass einer der Schwerpunkte der pädagogischen Arbeit an den politischen Gedenkstätten die Erziehung zur Demokratie sei, wurde weitgehend bejaht. Allerdings wies Herr Dr. Heyl darauf hin, dass Gedenkstätten doch vornehmlich die Verpflichtung gegenüber den Opfern und deren Hinterbliebenen hätten, dass sie nicht vergessen werden, ein Aspekt, der offensichtlich für die nach 1990 geborenen Teilnehmer der Diskussion neu war und nicht weiter vertieft wurde. 

Es wurde auch von allen Teilnehmern bestätigt, dass immer nur ein Teil der besuchenden Schülergruppen wirklich erreicht werden könne, wobei wir in dieser Diskussion den Anspruch erhoben, dass man vielleicht noch mehr Schüler erreichen könne, wenn sie noch viel intensiver in die Planung von Präsentationen und Programmen einbezogen würden. Demokratie bedeutet schließlich nicht nur belehrt zu werden und aus vorgegeben Materialien Erkenntnisse zu gewinnen, sondern auch an der Auswahl und der Gestaltung des Erkenntnisprozesses zu partizipieren.

Es zeigte sich in der Diskussion auch, dass die Erwartungen, die viele Lehrer und Schüler an ein Gedenkstättenbesuch stellen, kaum bis gar nicht zu erfüllen sind. Das Thema „dark tourism“ wurde von verschiedenen Seiten aufgegriffen und unterschiedlich bewertet. Während die Pädagogen sich gegen zu starke Bilder und den Versuch, heftige Reaktionen auszulösen, aussprachen, kam von der Seite der Schüler die Forderung nach genau dieser Art des Hervorrufens von Emotionen. Vielleicht resultiert dieses Verlangen nach dem emotionalen „Kick“, das von uns allen bestätigt wurde, auch aus der Erwartung von Schülern an sich selbst, an diesen Orten Trauer, Reue und Schuld empfinden zu müssen. Der Trauerimperativ ist ein Problem, mit dem wir uns ausnahmslos identifizieren konnten, denn diesem folgte fast immer eine Enttäuschung, weil man sich die Vergangenheit der Gedenkstätten gar nicht vorstellen kann, es fehlt der „Schauer der Geschichte“.

Außerdem wurde uns in dieser Diskussion der Spagat zwischen ansprechendem Medieneinsatz und Erhaltung der Seriosität bewusst. Wir als Schüler wollen eine audiovisuelle Gestaltung, die uns anspricht, berührt und betrifft. Die Gedenkstättenpädagogen wiesen darauf hin, dass sie zum einen um den Ernst der Gedenkstätte fürchteten, wenn die Darstellung zu laut und farbig würde, und zum anderen auch ihre Ausstellungen nicht andauernd an neue Medien und Sehgewohnheiten anpassen könnten. Die Debatte endete aus Zeitgründen an diesem Punkt, so dass nicht mehr geklärt werden konnte, was denn unter angemessenem Medieneinsatz, der auch Schüler motiviert, sich mit Ort und Geschichte der Gedenkstätte auseinanderzusetzen, zu verstehen ist.

Wir kamen zu diversen Erkenntnissen, aber vor allem haben wir den immensen Gesprächsbedarf zum Thema Gedenkstätten gespürt. Wir hoffen, dass unsere Diskussion dazu beitragen wird, einen Prozess anzustoßen und noch viele Diskussionen zwischen Mitarbeitern und Schülergruppen folgen werden, in denen es nicht nur wie bisher um die Geschichte an sich geht, sondern um eine verstärkte Einbeziehung von Erfahrungen und Sichtweisen von Schülern bei der methodischen und didaktischen Vermittlung von Geschichte in Gedenkstätten, um dem Anspruch der Erziehung zur Demokratie noch gerechter zu werden". 

(Lukas Baumgärtner und Jan Malek, Jgst. 12)