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Kathleen Viol: Brief an den Bruder

Liebster Bruder,

 nach deinen letzten Brief musste ich einige Zeit nachdenken. Ob und aus welchen Gründen ich bleibe oder gehe ist nicht einfach zu erklären, doch in diesen Antwortschreiben will ich es versuchen. Als wir uns damals verloren hatten, bin ich mit meiner Tochter Emilia ins Oderland gelangt. Heute wohne ich auf dem ehemaligen Gut Friedland. Mir stehen 10 ha zu, die ich bewirtschafte, um relativ unabhängig vom Markt bin. Das Land, das ich besitze, habe ich durch die Bodenreform erhalten. Im September 1945 wurden alle Grundbesitzer, die mehr als 100 ha besaßen, enteignet. Das betraf zum Bespiel den preußischen Adel. Das Land wurde an Bauern, Flüchtlinge und normale Bürger verteilt. Ich bin froh, dass es mir und meiner Familie hier einigermaßen gut geht.

 Die Lage hier ist immer noch katastrophal. Durch die vielen Flüchtlinge hat sich die Anzahl der Anwohner ca. um das 16-fache erhöht. Es gibt nicht genug Wohnungen, um alle unterzubringen, da viele Gebäude zerstört sind. Auch müssen viele hungern oder haben nur wenig zu essen. Bei mir wohnt momentan eine 4-köpfige Familie. Ich weiß nicht genau, woher sie kommen, aber die Eltern greifen mir unter die Arme und die Kinder gehen mit Emilia zur Schule.

Im Bidungswesgen hat sich auch einiges verändert. An den Schulen wurden alle faschistischen Lehrer entlassen und durch kurzfristig ausgebildeten Neulehrer ersetzt, um eine antifaschistische Erziehung zu gewährleisten. Den Unterricht in einer Klasse, wie wir ihn kennen, gibt es nicht mehr.  Das neue Schulsystem beinhaltet eine Grundschule mit acht Klassen. Als weiterführende Schule gibt es eine vierstufige Oberschule oder eine dreistufige Berufsschule.

Wie du Dich ja sicherich erinnerst, bin ich auch politisch schon immer aktiv oder zumindest interessiert gewesen. Ich habe mir die Veränderung in der Justiz zu Gemute geführt und dir Neuordnung der Verwaltung beobachtet. Die erste Phase in der Umkrempelung der Justiz übernahm vollständig die sowjetische Besatzungsmacht. Es  wurden auf deutschen Boden erneut Konzentrationslager errichtet. Von einer Quelle, die ich zu ihrem und eurem Schutz nicht nennen will, habe ich erfahren, dass es ca. 130000 inhaftierte politische Gefangene gibt. Davon sollen etwa 50000 ums Leben gekommen sowie 20000 bis 30000 in die UdSSR gebracht worden seien. Nur ein geringer Teil waren NS- Versprecher.  Größtenteils wurden Sozialdemokraten oder sogar Kommunisten inhaftiert, kannst du dir das vorstellen?

 Im Rechtswesen wurden alle Mitglieder und Befürworter der NSDAP entlassen (etwa 85% aller Richter). Diese wurden durch schnell ausgebildete "Volksrichter" aus der SED ersetzt. [Dazu komme ich später noch.] Die Verwaltung der SBZ wurde vollständig auf dem Kopf gestellt, um eine Neuordnung einzuführen. So gibt es jetzt 11 deutsche Zentralverwaltungen (u.a. Verkehrswesen, Handel und Versorgung, Volksbildung und Justiz), welche als Hilfsorgane für die SMAD arbeiten. Überall erlebte man eine umfassende Entnazifizierung. Die Folge dieser ganzen Neuordnung ist, dass an allen wichtigen Positionen jetzt deutsche Kommunisten sitzen. Sie können die Verwaltung, die Polizei und die Justiz befehligen. Ich ahne Ungutes,  geliebter Bruder... In der Politik gab es auch eine für mich tragische Veränderung. Nachdem die SMAD und die KPD immer stärkeren Druck auf die SPD-Führung ausübten, stimmten diese einer Vereinigung mit der KPD zu. Seit dem 22.April 1946 gibt es nun also die Sozialistische Einheitspartei Deutschland (SED).

 Ich bin hin und her gerissen, denn ich muss zugeben, dass es mir eher nicht allzu schlecht geht. Allerdings bin ich mit der Neuordnung hier nicht zufrieden. Ich glaube, dass es hier noch arge Probleme geben wird... Außerdem fehlt ihr mir sehr. Trotzdem denke ich, dass ich hier bleiben werde. Ich bin seit 4 Monaten schwanger und möchte nicht wieder neu anfangen,  mir und meiner Familie ein beständiges Leben aufzubauen. Ich hoffe, du verstehst meine Entscheidung.

Ich herze dich, Mama und Papa

In Liebe Valeska