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Arm, reich, tot

 Es war ein dunkler, nebliger, regnerischer Montagmorgen im Dezember. Pfarrer Olaf öffnete das knarrende Friedhofstor. Der Kies des Weges knirschte unter seinen Schuhen. Es war sehr kalt, und er wusste, dass es bald schneien würde. In der Ferne schrie eine Eule. Die Nebelschwaden schwebten wie Geister über den Gräbern. Er war zwar schon sehr lange Pfarrer, konnte sich jedoch nicht daran gewöhnen, über den dunklen nebelverhangenen Friedhof zu gehen.

Als er das große Kirchentor öffnete, sprang ihn plötzlich ein schwarzer Schatten an. Erschrocken schrie er auf. Auch der Schatten gab ein Geräusch von sich: ein lang gezogenes klagendes Maunzen. Es war Church, der Kirchenkater. Er schlief häufig in der Kirche und wurde oft von den Kirchgängern gefüttert. Olaf tadelte sich. Wie konnte er das vergessen? Er schaltete das Licht ein und setzte sich auf eine der Kirchenbänke um zu beten, als ihm etwas Kaltes, Feuchtes ins Gesicht tropfte. Es regnete doch nicht etwa rein? Als er nach oben sah, um zu überprüfen, ob das Dach bei dem Sturm in der letzten Nacht beschädigt wurde, erlebte er den Schock seines Lebens.

 Oberkommissarin Dörthe Müller stieg aus ihrem Dienstwagen und betrat kurz darauf die Kirche, in der der Pfarrer die Leiche des 25 Jahre alten Egon Morgensterns, Sohn eines reichen Museumsbesitzers, aufgefunden hatte. Sie hatte den Toten schnell identifizieren können, da auf der Kirchenbank unter ihm eine Brieftasche mit seinem Ausweis gelegen hatte. Diese war ihm wahrscheinlich aus der Jackentasche gefallen, als er sich erhängt hatte.

Nun musste sie den Vater von Egon, Herbert Morgenstern, vom traurigen Tod seines Sohnes berichten. Egons Mutter war vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das wusste Dörthe, weil es vor einer Woche, an ihrem Todestag, wieder in der Zeitung stand.

Die Kommissarin wusste sofort, wohin sie fahren musste. Es gab nur ein großes Museum in der Stadt, und dessen Leiter war Herbert Morgenstern. Sie musste sich jedoch beeilen, denn es schloss 15.30 Uhr. Dörthe sah auf ihre Armbanduhr. Höchste Zeit, die schlechte Nachricht zu überbringen.

 Sie hatte schon oft solche Nachrichten überbringen müssen, doch auf Herbert Morgensterns Reaktion war sie nicht gefasst. Er klammerte sich an ihre Beine, als währen sie der einzige Halt in einem reißenden Ozean und murmelte unaufhörlich: „DASISTNICHTWAHRDASISTNICTWAHR…“ Etwas hilflos signalisierte sie ihrem Kollegen, dass er bei der Sekretärin die Adresse von Herbert Morgensterns Villa erfragen solle. Nach drei Gläsern Whiskey und viel gutem Zureden war es möglich, Egons Vater auf die Couch in seinem Büro zu verfrachten und ihn davon zu überzeugen, dort auf den Psychologen zu warten.

 Etwas später fuhren die zwei Polizisten zu der Villa, in der Herbert Morgenstern mit seinen drei Kindern  lebte. Coco, die Schwester des Verstorbenen, öffnete ihnen die Tür. Ihr älterer Bruder Hugo war seit heute Morgen auf Geschäftsreise. Sie wirkte seltsam gefasst, und Dörthe und ihr Kollege hatten das Gefühl, dass sie sie erwartete. Womöglich hatte ihr Vater sie schon benachrichtigt.

 „Endlich Feierabend!“, sagte Kommissarin Müller, als sie die Tür des Polizeireviers hinter sich schloss. Klaus Steinbeck, ihr Kollege und (nicht nur dienstlicher) Partner öffnete ihr die Autotür und sagte: „Irgendetwas stimmt mit dieser Familie nicht.“ – „Ja, die Schwester schien irgendwie so… vorbereitet. Als ob sie etwas vom Tod ihres Bruders geahnt hätte. Vielleicht wusste sie etwas von seinem geplanten Selbstmord.“ Klaus sah das anders: „Wahrscheinlich kann sie ihren Schmerz nur nicht so zeigen wie ihr Vater. Manche Menschen brauchen Zeit, um zu trauern.“ „Vielleicht war es aber auch eine Erleichterung für sie. Möglicherweise war das Verhältnis der Beiden nicht so gut, wie wir dachten“, meinte Dörthe. „Wir sollten uns noch einmal mit dem Vater unterhalten, sobald er dazu in der Lage ist“, schloss sie die Diskussion.

 Drei Wochen später standen die Beiden wieder vor der Villa der Morgensterns. Coco führte sie in das riesige Wohnzimmer, wo Herbert Morgenstern auf einem ebenfalls riesigen, weißen Designer- Ledersofa saß und sie aus leeren Augen traurig anblickte. „Sie kommen, um mir Fragen zu stellen, was meinen Sohn dazu bewegt haben könnte, sich das Leben zu nehmen, oder?“, fragte er, ohne die Polizisten dabei direkt anzusehen. „Ja.“, antwortete Klaus. „Hatte er irgendwelche Feinde, oder Probleme in der Familie oder auf der Arbeit?“ „Nein, nicht dass ich wüsste, aber ich muss euch etwas erzählen.“ Bevor er das tat, schickte er seine Tochter aus dem Raum, da er sich alleine mit den Polizisten unterhalten wollte.

  Dörthe und Klaus erfuhren, dass Egon nur der Halbbruder von Coco und Hugo war. Seine leibliche Mutter  war nicht Cora Morgenstern, sondern Herbert Morgensterns Sekretärin Anna Schmidt, welche kurz nach dem Ende der Affäre gekündigt hatte und die Stadt verließ.

Bis zu seinem 15. Lebensjahr wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Als seine Mutter dann unheilbar an Krebs erkrankte, erzählte sie ihm das Geheimnis seiner Herkunft. Nach ihrem Tod machte er sich auf die Suche nach seinem Vater.

Als Herbert Morgenstern Egon das erste Mal traf, fiel er aus allen Wolken. Er war genau der Sohn, den er sich immer gewünscht hatte. Egon war ehrlich, bescheiden und hatte vor, seinen Vater zu unterstützen und hatte immer neue Ideen, Herberts Museum schöner zu gestalten. Ganz im Gegensatz zu seinen anderen Kindern, die selbstsüchtig und geldgierig waren und nicht am Wohlergehen ihres Vaters interessiert waren, sondern nur an seinem Geld. Deshalb hatte Herbert Morgenstern auch beschlossen, dass Egon alleine sein Vermögen erben sollte.

Plötzlich klingelte Dörthes Handy. Sie verließ schnell den Raum und nahm das Telefonat an. „Dörthe Müller, Kriminalpolizei, was kann ich für Sie tun?“ „Guten Tag, hier ist Christine Hartwig, ich leite die Obduktion. Wir haben etwas herausgefunden. Egon Morgenstern wurde ermordet. Sein Blut enthielt ein starkes Betäubungsmittel. Das Blut in der Kirche stammt nicht nur von seinem Hals, der durch den Strick zerkratzt war, sondern auch von Aufschürfungen an seinen Handgelenken.“ „Das heißt, jemand hat ihn erst betäubt, dann gefesselt und danach in der Kirche erhängt. Vielen Dank für die Informationen.“ Die Kommissarin war geschockt. Wer hätte Egon Morgenstern umbringen wollen. Seine Geschwister vielleicht? Ob sie etwas von dem Testament ihres Vaters wussten? Außerdem war es schon merkwürdig, dass Hugo Morgenstern ausgerechnet am Tag nach der Mordnacht auf „Dienstreise“ fuhr.

Beim Abendbrot berichtete sie Klaus, was sie erfahren hatte. Sie erzählte ihm auch, dass sie Hugo und Coco verdächtigte, und begründete dies. Gemeinsam dachten sie nach, wie sie weiter vorgehen sollten. Sie kamen zu dem Schluss, dass es von Vorteil wäre, sich Egons Zimmer einmal näher anzusehen. Außerdem wollten sie sich mit Hugo unterhalten, der in drei Tagen von seiner Reise wiederkam. „Ich denke, das mit dem Zimmer könnte schwierig werden.“, sagte Dörthe. „So wie diese Coco uns angeschaut hat, als sie uns heute Morgen die Tür geöffnet hat, lässt sie uns garantiert nicht rein. Außerdem haben wir keinen offiziellen Vorwand, unter dem wir das Zimmer durchsuchen können.“ „Hast du dem Vater eigentlich schon erklärt, dass es kein Selbstmord war?“, fragte Klaus sie. Dörthe seufzte: „Nein. Ich hatte Angst, dass er es nicht verkraften würde.“ Doch Klaus Steinbeck sah die Sache nicht ganz so aussichtslos. „Wie wäre es, wenn ich mich morgen mit ihm und seiner Tochter unterhalte und ihnen den Obduktionsbericht vorlege, während du dich in aller Ruhe in Egons Zimmer umsehen kannst. Ich weiß nur noch nicht so recht, wie wir das anstellen sollen, dass du unbemerkt in das Zimmer kommst.“ „Ich habe da schon so eine Idee. Was hältst du davon…“

 

Nachdem sie in der Morgenstern-Villa eingetroffen waren und sich auf das riesige Ledersofa gesetzt hatten, sagte Dörthe schon bald, dass sie auf die Toilette musste. Coco Morgenstern bat ihr an, sie zum Bad zu führen, doch die Kommissarin lehnte ab. `Das würde doch unseren ganzen Plan vermasseln´, dachte sie.

Egons Zimmer zu finden war nicht schwer, denn an der Tür hing ein großes Messingschild, auf dem sein Name stand. Leise öffnete sie die Tür. Als sie das Zimmer betrat, musste sie lächeln. Es passte genau auf Herberts Beschreibung seines Sohnes. Es gab ein schlichtes schwarzes Schlafsofa, das nicht annähernd so teuer und luxuriös aussah wie das monströse Exemplar im Wohnzimmer, verschlossene Glasvitrinen und Unmengen von Büchern, die nicht so aussahen, als ob sie je gelesen wurden. Doch die Polizistin interessierte sich nur für eines: eine große Holztruhe, die neben einem Schreibtisch, der in der linken Ecke des Zimmers stand, stand. Sie kniete sich hin und hob den Deckel der Truhe an. Zuerst dachte Dörthe, dass Egon die Truhe als Papierkorb benutzt hatte, doch dann erkannte sie, dass es sich bei dem Inhalt um Briefe handelte. Sie nahm einen in die Hand, öffnete ihn und überflog die Zeilen. Dann erschrak sie, als sie sah, was sie vor sich hatte: Es war ein Drohbrief! „Du verdammter Idiot!“, stand dort, „Wegen dir sitze ich hier im Knast, eingesperrt in einer Zelle, die ich mir mit einem Trottel teilen muss, der nicht weiß, was eine Klospülung ist! Für elf Jahre! Elf verdammte Jahre! Zum Glück sind drei schon um, aber die waren die Hölle! Ich schwöre dir, das Erste, was ich mache, wenn ich hier raus komme, ist, dich umzubringen! ...“

Dörthe war geschockt. Sie sah auf das Datum. Der Brief wurde am 3. Dezember 2003 geschrieben. Egon Morgenstern wurde am 10. Dezember 2011 ermordet, genau acht Jahre und eine Woche, nachdem dieser Brief geschrieben wurde! Vergeblich suchte Dörthe nach einem Absender, doch am Briefende stand nur  „C.“. Zwischen den Briefen fand Dörthe Egons Tagebuch. Sie suchte nach einem Eintrag vom 3.Dezember 2003 und wurde auch bald fündig. Dort las sie: „Heute habe ich schon wieder einen Drohbrief von Christoph Engel bekommen. Er schreibt schon wieder, dass er mich umbringen will, aber ich glaube es ihm nicht. Etwas besorgt bin ich schon, aber er hat schon immer gern übertrieben …“

Die Kommissarin nahm das nicht als Entwarnung hin. Dieser Christoph Engel war auf jeden Fall verdächtig. Sie würde sich in ihrem Büro in der Verbrecherkartei mal ansehen, weshalb er im Gefängnis gesessen hatte. Bevor sie den Raum verließ, fotografierte Dörthe den Brief und den Tagebucheintrag ab, als Beweis.

 

Als die beiden Polizisten wieder im Polizeirevier saßen, klingelte das Telefon auf Dörthes Schreibtisch. Sie nahm den Hörer ab: „Dörthe Müller, Kriminalpolizei, wer ist da?“ „Hier ist Kommissar König von der Spurensicherung. Wir haben in der Kirche etwas gefunden, was Sie interessieren könnte. Das sollten Sie Sich ansehen! Kommen Sie bitte ins Labor“

Das, was sie sich ansehen sollte, war eine Spritze, die Reste von einem Betäubungsmittel enthielt. Es war das Mittel, mit dem Egon Morgenstern betäubt wurde. „Wir haben die Spritze auf Fingerabdrücke geprüft und sind tatsächlich fündig geworden“, erklärte Kommissar König. „Wir haben natürlich sofort nachgeschaut, ob sie in unserer Verbrecherkartei verzeichnet sind und …“ Dörthe Müller unterbrach ihn: „Lass mich raten, sie stammen von einem Christoph Engel.“ „Ja, woher weißt du das?“ „Egon Morgenstern hat von ihm Drohbriefe bekommen, in denen stand, dass Christoph Engel ihn umbringen möchte, sobald er aus dem Gefängnis entlassen wird.“ „Mehr Beweise brauchen wir nicht für einen Haftbefehl, vorausgesetzt, du hast die Beweise entweder mitgenommen oder abfotografiert.“ „Natürlich habe ich das getan. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wo dieser Christoph Engel arbeitet, dass wir ihn verhaften können“

 Noch an diesem Abend fuhren Dörthe und Klaus zur Disco „Dance“. Dort arbeitete Christoph Engel als Türsteher. Sie erkannten ihn sofort: Er hatte ein vernarbtes Gesicht, dunkle Haare und war von kräftiger Statur. Er sah genau so aus, wie auf den Täterfotos, die vor 8 Jahren gemacht wurden. Dörthe stieg allein aus dem Auto. Sie trug keine Polizeiuniform, sondern ein kurzes Kleid, in dem sie wirklich fantastisch aussah. Die 25 Jahre alte Polizistin wollte, dass sie zwischen den Gästen der Diskothek nicht auffiel, was ihr sehr gut gelang. Ihre Strategie war, sich erst mit Christoph in Ruhe zu unterhalten und ihn danach zu verhaften.

Statt sich in die Schlange zu stellen, ging sie direkt auf ihn zu und sprach ihn an: „Haben Sie diesen Mann gesehen?“, fragte sie und zeigte ihm ein Foto von Egon Morgenstern. „Ich hatte mich hier mit ihm verabredet.“  „Er wird nicht kommen.“, antwortete er. „Wieso nicht? Kennen Sie ihn?“ „Ich kannte ihn. Er ist tot, zum Glück.“ „Wieso zum Glück? Hat er ihnen etwas getan?“ „Nein, er war ein Feigling. Wir hatten etwas geplant, er sagte aber im letzten Moment ab.“ „Was hattet ihr denn geplant?“ „Einen Bankraub. Ich kam in den Knast und er, mein früherer Freund, lachte mich aus und sagte, dass ich selber Schuld sei.“ „Verstehe, deshalb konnten sie ihn nicht leiden. Woran ist er gestorben?“ „Er wurde umgebracht, von mir. Ich war so wütend auf ihn, und ich bereue es nicht!“ In dem Moment tauchte Klaus hinter ihm auf. „Danke Dörthe, das reicht. Kriminalpolizei, sie sind wegen Mordes an Egon Morgenstern verhaftet!“ Doch anstatt sich zu ergeben, rannte Christoph Engel in eine kleine Straße neben der Disco. Dörthe wollte ihm nachrennen, doch Klaus hielt sie lächelnd zurück. Sie blickte ihn entsetzt und fragend an, und er sagte: „In der Zeit, in der du mit Christoph Engel geredet hast, habe ich Verstärkung gerufen. Jetzt stehen an allen Straßenecken in der Nähe Polizisten. Außerdem ist er in eine Sackgasse gerannt. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen, er sitzt schon bald in einem unserer Streifenwagen und später wieder im Knast.“ „Tja, manche Menschen ändern sich eben nie“, sagte Dörthe.

 Andere schon: Als Christoph Engel gefasst wurde, benachrichtigten die Polizisten sofort Herbert Morgenstern, um ihm mitzuteilen, wer seinen Sohn umgebracht hatte. Als der Streifenwagen, in dem der Mörder saß, vor dem Polizeirevier eintraf, wurden sie von Coco Morgenstern erwartet. Sie wartete, bis Christoph Engel ausstieg, ging dann auf ihn zu und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige, um das zu rächen, was er ihrem Bruder und ihrem Vater angetan hatte. Sie hätte ihn gern noch öfter geschlagen, wusste aber, dass dieses in der Gegenwart eines Polizisten nicht möglich war.

Als sie sich um ihren Vater gekümmert hatte, hatte sie endlich eingesehen, dass es wichtigere Dinge als Geld gab.

 

  Helena Gold, Laura Darnstädt & Paula Emelie Steiger