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Die Zehntklässler sind gespannt. Als Referent ist ein Ex-Neonazi eingeladen. „Wieso wurde er dazu?“, „Welche Gründe haben ihn zum Aussteigen bewegt?“ – diese Fragen stehen im Raum, als der 35-Jährige Mattias Adrian aus Berlin die Klasse betritt. Der junge Mann mit Schiebermütze blickt sein Publikum mit wachen Augen an. Lässig lehnt er sich ans Lehrerpult und fängt an, im hessischen Dialekt zu erzählen. Zuerst von seiner Kindheit und Jugend in einer ländlich geprägten Großfamilie. „Ich stamme aus geordneten Verhältnissen“, macht er klar. Keine arbeitslosen Alkoholikereltern prägen seine Erziehung, sondern er wächst in einer liebevollen Umgebung auf. Insbesondere zu seinen Großeltern hat er einen guten Kontakt. Sie erzählen gern von der Zeit unter Hitler und dem Zweiten Weltkrieg. Das Gehörte erweckt bei ihrem Enkel den Eindruck einer „guten alten Zeit“ und bringt den kleinen Matthias schnell in Konflikt mit dem Schulunterricht. Was er dort über die Nationalsozialisten erfährt, stimmt nicht mit dem verklärten Großelternblick überein.

Ein wichtiger Wendepunkt ist für Matthias Adrian die Lektüre rechtsextremer Publikationen. Er greift dort begeistert die verquere Verschwörungsthese auf, dass die Schule Gehirnwäsche betreibe, um den Deutschen einzureden, das Dritte Reich sei ein gefährliches und böses Verbrechersystem gewesen. Von nun an liefert sich der Schüler Matthias mit seinen Geschichtslehrern verbale Auseinandersetzungen. Doch die Pädagogen wollen sich gar nicht mit ihm als Person befassen, sondern reagieren auf seine Ansichten mit formaler Bestrafung. Er muss mehrmals die Schule wechseln, kommt dadurch aber nur noch intensiver mit der rechtsextremen Szene in Berührung. Denn an jeder neuen Schule trifft er wieder auf Gleichgesinnte, mit denen er Aktionen durchführt. Als Höhepunkt bezeichnet er das große Hakenkreuz, das er mit Mitschülern an den Raiffeisenturm seines hessischen Heimatortes Bürstadt pinselt. Diese Tat führt ihn in Kontakt mit organisierten Kreisen der NPD. Er nimmt regelmäßig an „Schulungen mit anschließendem Besäufnis“ teil und erlebt es, Mitglied einer Kameradschaft zu werden. Allerdings, so betont er in der Rückschau, sei es dabei nicht um Freundschaft gegangen, sondern „um Verbindungen, wie es sie in anderen kriminellen Vereinigungen auch gibt“. Mattias Adrian wird im Landesverband der NPD Hessen aktiv und lernt schnell führende Vertreter der rechtsextremen Szene kennen.

Je mehr Einblick der inzwischen 20-Jährige allerdings in die Strukturen erhält, umso abgeschreckter wird er. Er muss erleben, wie Funktionäre in die Parteikasse greifen, um sich selbst zu bereichern. Die engen Verbindungen der NPD zu Skinheads und Rockern passen für den überzeugten Neonazi nicht ins Bild des rassereinen Deutschen. Der junge Mann beginnt, sich intensiv mit den Grundlagen der Nazis zu beschäftigen. Dabei macht er wieder eine entscheidende Begegnung: Die Lektüre von Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg lässt ihn am Geisteszustand der Nationalsozialisten zweifeln. Rosenberg glaubt an die Herkunft der „weißen Herrenrasse“ von der untergegangenen Insel Atlantis. Von dort aus seien sie mit Booten aufgebrochen, um die Weltherrschaft zu übernehmen. Solch ein Schwachsinn ist selbst dem langjährigen „Kameraden“ Adrian zuviel. Er wendet sich von der NPD ab und beginnt langsam, sich aus der Szene herauszuziehen. „Mit 24 stand ich plötzlich ohne Ideologie, ohne Religion, ohne Kontakte da“, beschreibt er seine damalige Situation. Hinzu kommt, dass seine ehemaligen „Freunde“ ihn massiv bedrohen, bis hin zu Mordaufrufen über das Internet. Ein Dreivierteljahr ist nötig, die Desillusionierung zu verarbeiten; einher gehen schwere Depressionen, in denen der Berliner das Haus nur noch selten verlässt.

Mit Hilfe einer jüdischen Organisation und dem Verein „EXIT-Deutschland“ schafft er aber schließlich den Ausstieg. Seitdem engagiert sich Mattias Adrian öffentlich für den Kampf gegen den Rechtsextremismus. Das wirksamste Mittel, um den braunen Sumpf zu besiegen, skizziert er so: „Die Schule hätte die Lächerlichkeit der NS-Ideologie vermitteln müssen, dann wäre ich nicht Nazi geworden.“ Mit der Rosenberg-Lektüre zerbrach die kranke Ideologie „wie ein Kartenhaus“.

Die Methode des Referenten Adrian kommt bei den Wriezener Zehntklässlern an: Sie gewinnen durch die Begegnung mit dem Ex-Neonazi einen authentischen und abschreckenden Einblick in die rechtsextreme Szene; zugleich wird ihnen deutlich aufgezeigt, auf welch lächerlichem Fundament der Nationalsozialismus basiert.